Einbruchhemmung nach DIN EN 1627

Neuigkeit ·
27/5/2026

Viele Türen in gewerblichen Anlagen tragen irgendwo das Kürzel RC, aber was unterscheidet RC3 von RC4 und warum kann die falsche Wahl im Ernstfall richtig teuer werden? Die Norm DIN EN 1627 klingt nach trockenem Regelwerk, ist aber eigentlich eine sehr gute Entscheidungshilfe, denn sie sagt Ihnen, welchem Angriff eine Tür wie lange standhält und welches Täterprofil dahintersteckt.

Was steckt hinter dem Kürzel RC?

Wer heute eine einbruchhemmendeTür beschafft, ausschreibt oder abnimmt, begegnet unweigerlich dem Kürzel RC– kurz für Resistance Class. Es entstammt der europäischen Normenreihe DIN EN 1627 bis 1630, die seit September 2011 verbindlich gilt und die ältere Vornormenreihe DIN V ENV 1627 ff abgelöst hat.

Die RC-Klasse ist das Ergebniseiner genormten Prüfung, die drei unabhängige Teilverfahren umfasst:

  • statische Belastung (DIN EN 1628),
  • dynamische Belastung (DIN EN 1629) und
  • manuellen Einbruchversuch mit definiertenWerkzeugsätzen (DIN EN 1630).

Eine Tür erhält ihre RC-Einstufung nur dann, wenn sie alle drei Prüfungen in der entsprechenden Klasse als vollständiges Element inklusive Zarge, Schloss, Beschlag und Verglasung besteht.

  • Die RC-Klasse gilt immer für das gesamte geprüfte System, nicht für einzelne Komponenten.
  • Eine RC3-zertifizierte Tür verliert ihre Einstufung, wenn sie mit einem nicht geprüften Schloss oder einer nicht geprüften Zarge eingebaut wird.

 

Die 7 Widerstandsklassen im Überblick

DIN EN 1627 definiert sieben Widerstandsklassen. Für Betreiber kritischer Infrastruktur, Facility Manager, Sicherheitsverantwortliche und Planer sind vor allem RC2 bis RC6 relevant.

RC 1 N und RC 2 N – Basisschutz ohne erhöhte Verglasungsanforderung

Die Klassen RC1 N und RC2 N sind Sonderfälle: Der Kennbuchstabe N steht für normal und bedeutet, dass keine erhöhten Anforderungen an die Verglasung gestellt werden. Für gewerbliche und sicherheitskritische Anwendungen sind RC1 N und RC2 N in der Regel nicht ausreichend.

RC 2 – Schutz gegen den Gelegenheitstäter

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RC2 ist der Einstiegsstandard für gewerbliche Zugänge mit moderatem Risikoprofil. Die Polizei empfiehlt RC2 als Mindestklasse für alle Zugänge, bei denen grundsätzlicher Einbruchschutz gefordert ist. Für Betriebe mit höherem Schadenspotenzial ist RC2 in der Regel nur ein Ausgangspunkt, keine Zielklasse.

RC 3 – Schutz gegen den gezielt vorgehenden Täter

Merkmal Wert
Tätertyp Gezielt vorgehender Gewohnheitstäter
Werkzeugkontaktzeit je Angriffspunkt 5 Minuten
Gesamtprüfzeit 20 Minuten
Statische Belastung je Verriegelung 0,6 Tonnen
Verglasung Durchwurfhemmend, mind. P5A (DIN EN 356)
Werkzeuge im Prüfverfahren Schraubenzieher, Kuhfuß, Brechstange

RC3 ist die häufigste Wahl für gewerbliche Eingangstüren, Bürogebäude und Anlagen mit einem klar definierten Schutzbedarf. Im Vergleich zu RC2 sind nicht nur die Prüfzeiten länger, sondern es kommen auch schwerere Hebelwerkzeuge zum Einsatz.

RC 4 – Schutz gegen den gewaltbereiten Täter

Merkmal Wert
Tätertyp Gewaltbereiter, gezielt vorgehender Täter oder Tätergruppe
Werkzeugkontaktzeit je Angriffspunkt 10 Minuten
Gesamtprüfzeit 30 Minuten
Statische Belastung je Verriegelung 1,0 Tonne
Verglasung Durchbruchhemmend, mind. P6B (DIN EN 356)
Werkzeuge im Prüfverfahren Stemmeisen, Schlagaxt, Akkuschrauber, Meißel

Ab RC4 verlässt man den Bereichdes opportunistischen Einbruchschutzes. Die Prüfung simuliert einen koordinierten, entschlossenen Angriff – auch durch mehrere Täter. RC4 ist die typische Einstiegsklasse für KRITIS-Betreiber, Wasserwerke, Umspannwerke, Rechenzentren und andere Objekte, bei denen ein erhöhtes Angriffsrisiko besteht oder regulatorische Vorgaben physische Sicherheitsmaßnahmen verlangen.

RC 5 – Schutz gegen sehr gewaltbereite Täter

Merkmal Wert
Tätertyp Sehr gewaltbereiter Täter, Tätergruppe, Attentäter
Werkzeugkontaktzeit je Angriffspunkt 15 Minuten
Gesamtprüfzeit 40 Minuten
Statische Belastung je Verriegelung 1,5 Tonnen
Verglasung Durchbruchhemmend, mind. P7B (DIN EN 356)
Werkzeuge im Prüfverfahren Zusätzlich Bohrmaschine, Stichsäge, Winkelschleifer

RC5 adressiert Szenarien, indenen mit professionell vorgehenden Tätern mit leistungsstarkem Elektrowerkzeug zu rechnen ist. Die 40-minütige Gesamtprüfzeit soll sicherstellen, dass auch bei einem entschlossenen Angriff ausreichend Zeit für eine Alarmierung und das Eintreffen von Sicherheitskräften bleibt.

RC 6 – Höchste Widerstandsklasse für Hochsicherheitsobjekte

Merkmal Wert
Tätertyp Hochprofessionelle Täter mit schwerem Spezialwerkzeug
Widerstandszeit Mindestens 20 Minuten direkter Angriff
Verglasung Durchbruchhemmend, mind. P8B (DIN EN 356)
Werkzeuge im Prüfverfahren Leistungsstarke Elektrowerkzeuge, Spalthammer, Stahlkeil

RC6 ist die höchste Klasse nach DIN EN 1627 und für Hochsicherheitsanwendungen reserviert: militärische Infrastruktur, Tresor- und Wertbereichszugänge, besonders exponierte kritische Infrastruktur.


Täterprofile und Angriffsszenarien: Warum die Klassenwahl eineRisikoentscheidung ist

Ein häufiges Missverständnis in der Planung: RC-Klassen werden als technische Spezifikationen betrachtet, nicht als Risikoentscheidungen. Die richtige Herangehensweise orientiert sich an vier Fragen:

  •  Wer könnte angreifen? Gelegenheitstäter, organisierte Gruppe, politisch motivierter Angriff?
  • Wie exponiert ist das Objekt? Innenstadtlage mit schneller Polizeireaktionszeit vs. abgelegene Außenstation ohne direkte Überwachung?
  • Wie hoch ist das Schadenspotenzial? Datenverlust, Versorgungsausfall, Personengefährdung?
  • Welche Alarmierungszeit ist realistisch? Die Widerstandszeit einer Tür muss die Reaktionszeit überbrücken, nicht mehr und nicht weniger.

 

Der B3S für dieWasserwirtschaft (DVGW W 1060) und die Anforderungen aus NIS2verlangen risikobasierte Schutzmaßnahmen, keine pauschalen Mindeststandards.Wer RC4 für ein Wasserwerk spezifiziert, sollte das mit einer Schutzbedarfsfeststellung begründen können, nicht allein mit einer Klassenwahl.

 

Was die Norm prüft – und was sie nicht prüft

DIN EN 1627 ist eine Prüf- und Klassifizierungsnorm für das Bauelement. Sie sagt aus, wie lange eine Tür einem manuellen Werkzeugangriff unter Laborbedingungen standhält.

Was sie nicht abbildet:

  • Einbauqualität: Eine RC4-geprüfte Tür, die unsachgemäß in eine zu schwache Wand eingebaut wird, bietet keinen RC4-Schutz. Die Zargenverankerung, der Wandaufbau und die Montage sind für die Schutzwirkung ebenso entscheidend.
  • Elektronische Schnittstellen: Zutrittskontrollsysteme, Türkontakte, Motorzargen und Alarmanbindungen sind nicht Teil der RC-Prüfung.
  • Betrieb und Wartung: Ein Türsystem verliert seine Schutzklasse, wenn Dichtungen, Schließmechanismen oder Beschläge nicht regelmäßig gewartet werden.
  • Fluchtweganforderungen: Sicherheitstüren im Fluchtweg benötigen zusätzliche Zulassungen (DIN EN 16034, DIN 14677). RC-Klassifizierung und Fluchtwegtauglichkeit sind separate Nachweise.

 

Widerstandsklassen im B2B-Kontext: Welche Klasse passt zu welchem Objekt?

Die folgende Orientierung ersetzt keine standortspezifische Risikoanalyse, gibt aber einen belastbaren Ausgangspunkt für die Planung:

Objekttyp Typische Klasse Begründung
Bürogebäude, Standardzugänge RC 2 – RC 3 Gelegenheitstäter, mittlere Reaktionszeit, kein hochkritisches Schutzziel
Serverräume, IT-Infrastruktur RC 3 – RC 4 ISO/IEC 27001-Anforderungen, Audit-relevanz, erhöhter Sabotageschutz
Rechenzentren, Data Halls RC 4 Hoher Objektwert, Zonierung nach EN 50600, koordinierte Angriffe möglich
Wasserwerke, Außenstationen RC 4 – RC 6 KRITIS/NIS2-Kontext, Alleinlage, lange Reaktionszeiten, B3S WA
Umspannwerke, Energieinfrastruktur RC 4 – RC 5 Vergleichbares Risikoprofil wie Wasserversorgung
Hochsicherheitsbereiche RC 6 Professionelle Angreifer, besonderes Schadenspotenzial

Was bei der Ausschreibung nicht fehlen darf

RC-Klassen allein sind kein vollständiges Leistungsverzeichnis. Für eine rechtssichere und funktional belastbare Ausschreibung gehören zusätzlich folgende Angaben:

  • Geprüftes Systemzertifikat mit Angabe der Prüfstelle(z.B. ift Rosenheim, DIN CERTCO)
  • Zargentyp und Wandanschluss (Stahlzarge, Blockzarge,Wandstärke und -material)
  • Schloss- und Beschlagspezifikation (normkonform nach EN12209 bzw. herstellerspezifisch geprüft)
  • Verglasungsklasse (sofern Verglasung vorgesehen: P4Abis P8B nach DIN EN 356)
  • Elektronische Integration (Türkontakt, Motorschloss, Schließanlage, ZKS-Schnittstelle)
  • Fluchtwegtauglichkeit falls zutreffend (EN 16034, DIN14677)
  • Feuerwiderstand falls zutreffend (EN 1634-1, EN13501-2)
  • Montageanforderungen und Zuständigkeit für Abnahme

 

Fazit: RC-Klassen sind das Fundament eines vollständigen Schutzkonzepts

DIN EN 1627 liefert eine verlässliche, europaweit einheitliche Grundlage, um einbruchhemmende Türen vergleichbar zu machen und auszuschreiben. Für Betreiber und Planer in sicherheitskritischen Anwendungen ist die RC-Klasse der richtige Ausgangspunkt, aber nur dann ein belastbarer Schutznachweis, wenn Einbau, Elektronik, Betrieb und Wartung konsequent mitgedacht werden.

Wer für ein Wasserwerk, ein Rechenzentrum oder eine andere kritische Anlage die richtige Tür spezifizieren will, braucht eine standortbezogene Analyse, die Widerstandsklasse, Einbausituation, Alarmierungszeit und regulatorischen Kontext zusammenführt.

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